weiß grün gestreiftes Stofftier zwischen den Gittern eines Kinderbettes

Wie Frauen immer häufiger ohne Mann Mutter werden – Ein Feature

Laut Statistiken der deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung lag der Anteil der durchgeführten Beratungen für Singlefrauen im zweiten Semester des Jahres 2016 bei 16%. Die Thematik scheint in Zeiten von gesicherten Renten, veränderter demographischer Strukturen und vielfältigen Karrierechancen für Frauen immer präsenter zu werden. Veränderte Familienmodelle wie beispielsweise Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Ehen oder alleinerziehende Mütter oder Väter sind in einem entwickelten Land wie Deutschland nichts Außergewöhnliches mehr. Doch wie funktioniert eine Solomutterschaft und wie steht die Gesellschaft zu Frauen, die sich dazu entscheiden, allein ein Kind zu bekommen?

Der Kinderwunsch

„Ich habe mir viele Jahre lang eingeredet, mir keine Kinder wünschen zu wollen, weil ich keinen Partner hatte. Ich dachte, wenn ich anfange an Kinder zu denken, dann werde ich nur frustriert, weil es ohne Partner nicht geht.“ Uschi Eisold ist 34 Jahre alt, Single und möchte gerne Mutter werden. „Man merkt, wenn der Wunsch da ist. Am Anfang hatte ich Angst, dass eine Solomutterschaft gesellschaftlich noch nicht akzeptiert ist. Eine Bekannte hat das dann aber auch gemacht und daraufhin habe ich mich dann auch mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich will mich nicht mit 45 dafür bemitleiden, dass mein Kinderwunsch unerfüllt ist.“

Die Vorsitzende des Fachverbandes für psychosoziale Kinderwunschberatung (BKiD), Frau Petra Thorn, ist Sozialarbeiterin und Familientherapeutin. Sie führt psychosoziale Beratungen für Frauen durch, die eine Solomutterschaft beabsichtigen, und hat sich auf den Schwerpunkt „Kinderwunschberatung der Familienbildung mit Spendersamen“ fokussiert. Sie sagt: „Fast immer stellt sich heraus, dass die Frauen eigentlich lieber ein Kind aus einer Beziehung möchten, aber die Beziehung nicht für einen Kinderwunsch tragbar war oder der Partner den Kinderwunsch nicht teilt.“ In einer Dokumentation des Südwestdeutschen Rundfunkdienstes wird in einer Statistik gezeigt, dass ¼ der Solomütter angeben, ihre langjährige Beziehung sei am Kinderwunsch zerbrochen.

So auch bei Hanna Schiller, sie ist heute 39 und ist Solomutter. Ihr Sohn ist mittlerweile 3 Jahre alt. Sie hatte verschiedene längere Beziehungen und bis sie etwa 30 Jahre alt war, habe sie noch gar keinen Kinderwunsch gespürt: „Als dieser jedoch dann kam, war es umso enttäuschender, als ich gemerkt habe, mein Partner teilt diese Vorstellung nicht. Und dann kam irgendwann der Gedanke: Binde ich diesen Kinderwunsch nur an ihn?“ Nach mehreren Jahren habe sie gemerkt, dass der Wunsch nach einem eigenen Kind zu groß sei und sich dazu entschieden, den Weg allein zu gehen. Hanna Schiller ist nebenberuflich Bloggerin und erzählt auf www.solomamapluseins.de, sowie auf Instagram von ihrer selbstgewählten Rolle als Alleinerziehende. Sie möchte anderen Frauen helfen, die gerne den gleichen Weg gehen möchten und zeigen, dass es nicht immer einen Vater geben muss.

Möglichkeiten Mutter zu werden

Um allein Mutter zu werden gibt es verschiedene theoretische Möglichkeiten. Die erste ist die Adoption, die in der Theorie nach §1741 Absatz 2 des BGB auch für Nichtverheiratete und Alleinstehende möglich ist. Jedoch gibt es in Deutschland viele Voraussetzungen und Bedingungen für eine Adoption. Gabrielle Stöcker, Beraterin von Pro Familia äußert dazu, dass oft verheiratete Ehepaare gewählt werden, da diese für das Adoptivkind oft mehr zeitliche und finanzielle Mittel zur Verfügung stellen können. Der Prozess sei sehr schwierig, lang und kostenintensiv. Zudem gäbe es in Deutschland viel mehr Wunscheltern als zur Adoption freigegebene Kinder, was es schon für Paare schwer mache, ein Kind zu adoptieren.

Die zweite Möglichkeit ist das sogenannte „Co-Parenting“. Co-Eltern haben keine romantische oder sexuelle Beziehung, bekommen aber gemeinsam ein Kind. Sie teilen sich die Verantwortung für das Kind, die Elternschaft und kümmern sich gemeinsam um die Grundbedürfnisse. Co-Elternschaft gibt es zu zweit, zu dritt und sogar zu viert. Diese moderne Form einer Familie nutzen nach den Aussagen von Gabrielle Stöcker viele Homosexuelle und wird oft unter Freunden und Bekanntenkreisen vereinbart. Es gibt keine Beratungspflicht, weshalb man keine genauen Zahlen zum Co-Parenting finden kann. Für Uschi Eisold kommt Co-Parenting nicht in Frage: „Co-Parenting wäre für mich nichts. Ich würde nicht mit jemandem das Sorgerecht teilen wollen.“

Die meisten Solomütter entscheiden sich deshalb für eine Samenspende. Diese kann man privat oder durch Samenbanken im In- oder Ausland durchführen. Petra Thorn vom BKiD berichtet: „Vor zwei Jahren ist in Deutschland das Samenspenderregistergesetz in Kraft getreten, welches die medizinische Behandlung von Solomüttern legal ermöglicht und den Samenspender schützt. Seitdem behandeln sehr viel mehr Kinderwunschzentren Solomütter.“ Der Samenspender gilt dadurch nicht als juristischer Vater, er hat keine Ansprüche auf das Kind und keine Vaterpflichten.

Gesetzeslage

Im Nachbarland Dänemark ist die Gesetzeslage besonders liberal, weshalb sich viele Frauen dort behandeln lassen. In Deutschland ist es trotz des neuen Gesetzes je nach Berufsordnung der Ärztekammern in den einzelnen Bundesländern immer noch eine Grauzone. Gabrielle Stöcker erklärt: „Per Gesetz ist es zwar erlaubt, jedoch sind Behandlungen für Singles je nach ärztlicher Berufsordnung rechtlich unterschiedlich geklärt. In der Ärztekammer Nordrhein steht beispielsweise, dass reproduktionsmedizinische Behandlungen nur bei Ehepaaren und Lebensgemeinschaften erlaubt sind. Deshalb ist es hier für den behandelnden Arzt immer ein berufsrechtliches Risiko.“ In anderen Bundesländern, beispielsweise in Sachsen-Anhalt, dürfen Singlemütter nach Anfrage des Arztes bei der zuständigen Ärztekammer behandelt werden. Die liberalere Berufsverordnung findet man in Deutschland in Berlin, Brandenburg und Bayern.

In den Kinderwunschzentren gibt es verschiedene Methoden für eine Befruchtung durch eine Samenspende. Die Gängigste ist die Intrauterine Insemination, kurz IUI, bei der die Spendersamen direkt durch den Gebärmutterhals in die Gebärmutter der Frau gespritzt werden. Diese Behandlung ähnelt natürlichem Geschlechtsverkehr am ehesten. Die Wahrscheinlichkeit dabei schwanger zu werden ist abhängig vom Alter der Frau, beträgt im Durchschnitt ca. 20% pro Behandlung. Uschi Eisold hatte in Berlin bisher drei dieser Behandlungen. Diese waren jedoch leider erfolglos.

Kinderwunschkliniken kooperieren mit verschiedenen Samenbanken. Dabei gibt es deutsche, aber auch europäische, bei denen die Spenderauswahl meist höher ist und man sich den Spender frei auswählen kann. Durch eine Samenspende hat das Kind, wenn es 16 Jahre alt ist, ein Recht auf das Wissen seiner Abstammung und darf Kontakt dem Spender aufbauen. Zuvor hat die Mutter das Recht, im Namen ihres Kindes die Identität des Spenders zu erfahren. Deshalb sind in Deutschland anonyme Spenden verboten. Zudem gibt es Portale im Internet, bei dem man die Spendernummer seines Kindes angeben und Kontakt zu möglichen Halbgeschwistern aufbauen kann.

Hanna Schiller hat zwei Versuche gebraucht, um schwanger zu werden. Der erste war damals in Kopenhagen, Dänemark, da sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, dass das in Deutschland möglich ist. Der zweite Versuch war in Berlin und erfolgreich. Ihr Sohn konnte durch das Internet bereits Halbgeschwister von sich kennenlernen.

Beratung

Um sich in den Kinderwunschkliniken behandeln zu lassen, gibt es oft verschiedene verpflichtende Beratungen. Petra Thorn berät die Frauen gemäß den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung, die sie für die besondere Situation von Solomüttern angepasst hat. Sie fokussiert sich vor allem auf drei Bereiche: Die finanziellen, sozialen und psychischen Ressourcen. Sie sagt, es gäbe auch Frauen, die sich nach der Beratung dazu entscheiden, noch auf einen Partner zu warten und sich eine Solomutterschaft doch nicht allein zutrauen.

Finanzen

Die Kinderwunschbehandlungen sind sehr kostspielig. Uschi Eisold hat sich bei der Berliner Samenbank behandeln lassen: „Also ich habe so eine Art Grundgebühr bezahlt. Das waren 2500€ und gilt für zwei Jahre oder zehn Versuche. Pro Samenspende mit Aufbereitung waren das dann nochmal 300€, für die Behandlung dann nochmal ca. 340€ und dann nochmal 50€ für Medikamente, die den Eisprung auslösen.“

Die Sehnsucht der Frauen nach einem Kind ist aber oft so groß, dass vielen Frauen, je nach finanzieller Möglichkeit, der Preis egal ist. Hanna Schiller erzählt: „Ich habe Frauen kennengelernt, die bis zu 60.000€ für ihr Wunschkind ausgegeben haben.“

Laut statistischem Bundesamt kostet ein Kind im Durchschnitt monatlich 660€ (Stand 2013). Das sind die Kosten, über die sich Frauen auch im Klaren sein müssen, denn diese tragen sie mindestens, bis sie nicht mehr unterhaltspflichtig sind. Hanna Schiller spricht da nun aus Erfahrung: „Man muss finanziell stabil aufgestellt sein, was auch immer das für jeden einzelnen bedeutet. Am besten ist es auch, dass man einen Job hat, der sicher und flexibel ist, dass man zum Beispiel auch mal Homeoffice machen kann.“ Uschi Eisold fühlt sich mit ihrer finanziellen Situation für ein Kind gewappnet: „Ich weiß, dass ich ein gutes Einkommen habe und zwei Leute finanzieren kann, aber die Kinderwunschbehandlung ist natürlich sehr teuer. Außerdem denke ich, dass man als Mutter automatisch auf andere Dinge verzichtet.“

Unterstützung

Mehr Unterstützung bekommen Solomütter nicht. Gabrielle Stöcker erklärt: „Sie bekommen keinen Unterhalt vom Spender und auch keinen Unterhaltsvorschuss vom Staat. Beim Unterhaltsvorschuss versucht der Staat immer herauszufinden, wer der Vater ist, damit dieser Unterhalt zahlen kann. Aber im Falle einer Samenspende bei Single-Müttern gibt es keinen Vater.“ Mütter haben nur den Anspruch auf Grundsicherung, das bedeutet das Kindergeld und das Elterngeld, was abhängig vom Einkommen, von anderen staatlichen Leistungen und von der Anzahl der Kinder ist.

Unabhängig der finanziellen Mittel kann der Alltag als Alleinerziehende sehr anstrengend sein. Hanna Schiller erzählt mir aus ihrem Alltag: „Ich werde nicht immer Allem gerecht. Die Entlastung fehlt mir manchmal und für ihn ist es dann halt schwer, wenn ich mal gereizter oder sage: Ich kann grade nicht.“ Doch sie erklärt mir auch genau den Unterschied zu alleinerziehenden Frauen, die durch eine Trennung allein sind, und zwischen ihr, die sich manchmal auch „Mother by Choice“ bezeichnet: „Manchmal denkt man dann, ich darf keine Unterstützung haben oder annehmen, weil ich wollte ja Mutter werden. Aber dieser Gedanke ist gefährlich, weil man dann auch gar nicht mehr zulässt, wenn manche einen fragen, ob man Hilfe braucht. Am Anfang habe ich immer „Nein“ gesagt, weil ich nicht wollte, dass mir jemand sagt: Siehste, habe ich doch gesagt, dass du es nicht schaffst.“

Psyche

Allein Mutter zu werden und zu sein kann sehr anstrengend sein, man geht an seine Belastungsgrenze. Umso wichtiger ist es, dass man selbst psychisch stabil ist und mit Stress umgehen kann. Und die psychische Belastung geht schon beim schwanger werden los: Als Hanna Schiller sich damals dazu entschied, sich für ein Kind von ihrem Partner zu trennen, spricht sie von „einem echt langen Prozess der Trauerarbeit. Diese Entscheidung ist sehr schmerzhaft, deshalb habe ich mir Hilfe geholt. Ich habe eine Therapie gemacht, weil ich jemanden drauf schauen lassen wollte, ob dieser Wunsch normal ist, oder ob Irgendetwas mit mir nicht stimmt. Habe ich irgendwelche Defizite, die ich versuche, durch ein Kind auszugleichen?“ Petra Thorn sagt dazu: „Für viele ist die Belastung im ersten Lebensjahr des Kindes viel höher als während der Schwangerschaft. Es ist daher sehr wichtig, die Hilfe von Freunden und Familie zu haben – und diese auch anzunehmen. Am besten hat man darüber bereits im Vorfeld gesprochen und weiß, auf wen man zugehen kann. Denn als Solomutter gibt es keinen Vater, der automatisch einspringt, falls man krank ist.“

Vorurteile

Doch wie offen ist die Gesellschaft heute für die sogenannten „Solomütter“? Sind die Mütter zusätzlich zu Mutterpflichten durch Vorurteile von außen belastet? In vergangenen Generationen war es nötig Kinder zu bekommen. Sie galten als Altersvorsorge und verdienten Geld für die Familie. Doch durch eine staatlich geregelte Rente ist die Möglichkeit zu einem „Nein“ für ein Kind entstanden und dadurch automatisch die Voraussetzung für ein bewusstes „Ja“. Laut einer Statista Studie aus dem Jahr 2017, war der Hauptgrund für ein Kind ein tieferer Sinn des Lebens. 47% der Singles sagten, dass sie aber auch ohne Kind glücklich seien. Gerade einmal 34% der Singles und 35% der Liierten wünschen sich (weitere) Kinder. Das Motiv, ein Kind zu bekommen und die Bereitschaft darauf zu verzichten hat sich stark geändert. Zudem hat sich das Bild der Frau in den letzten Jahrzehnten verändert und die Frau steht heute in einem Spannungsfeld zwischen dem Streben nach beruflicher Anerkennung und dem Wohlergehen des Kindes. Laut einer Caritas Umfrage, welches aus einem Projekt in den Jahren 2010-2012 entstanden ist, sagten 46,6% der Befragten, dass das Kind leide, wenn die Mutter berufstätig ist. 12,3% behaupteten sogar, arbeitende Mütter schaden dem Kind. In Umfragen aus moderneren Familienformen sagten jedoch 76,7%, dass es für das Kind sogar gut sei, wenn die Mutter arbeitet.

Es ist ein umstrittenes Thema, doch Solomütter sind nicht „nur“ alleinerziehend, sie wollen alleinerziehend sein und sind meist durch Samenspende schwanger geworden. In einer Forsa Studie aus dem Jahr 2015 gaben 31% der Befragten an, dass eine Samenspende nicht akzeptabel ist und nicht in Frage kommt. Es treffen viele verschiedene ethische Meinungen aufeinander.

Alleinerziehend zu sein, wird oftmals als Phase begriffen, nicht als Familienform. Für Solomütter ist es jedoch ein klares Lebenskonzept. Laut Befragungen erleben Alleinerziehende fast immer indirekte oder direkte Formen von Vorbehalten oder Benachteiligungen, zum Beispiel bei der Jobsuche. Doch durch solche alltäglichen Anforderungen werden die Singlemütter auch stärker. Die Gewissheit, es allein zu schaffen, gibt einem Stolz und Selbstvertrauen. Hanna Schiller sieht heute oft nur noch die Vorteile, allein die Verantwortung zu tragen: „Ich merke, ich bin total frei. Ich bin an niemanden, außer an mein Kind gebunden. Mein Sohn erfährt keine partnerschaftlichen Konflikte, nur die Konflikte unter uns beiden. Und ich muss mich nicht noch um eine Beziehung kümmern, sondern nur auf meinen Sohn um mich achten.“ Mit am schönsten finde sie jedoch, dass sie sich ihr Umfeld selbst aussuchen könne und sie sich nur mit Freunden umgibt, die ihr, und damit auch ihrem Sohn, guttun. Sie wünscht sich aktuell auch keinen Partner: „Wenn das zwar ein Partner wäre, der sich für Gleichberechtigung stark macht und ich mich mit ihm gut austauschen könnte ja, aber es fehlt mir emotional momentan gar nicht.“

Petra Thorn hat in den vergangenen fünf bis zehn Jahren stark erlebt, wie viel höher die Bereitschaft für eine Solomutterschaft ist. In der 2. Jahreshälfte des Jahres 2016 waren es laut ihren Aussagen 16%, das bedeutet 266 alleinstehende Frauen, die eine Kinderwunschberatung für eine Behandlung im Kinderwunschzentrum benötigten. 20-30% der Samenspenden von deutschen Samenbanken gehen an Singlefrauen, Tendenz steigend. Hinzu kommt laut Frau Stöcker von Pro Familia eine möglicherweise größere Dunkelziffer an Alleinstehenden, die sich private Samenspender suchen oder die Behandlung im Ausland durchführen. Uschi Eisold sagt auch, sie kenne Bekannte, bei denen der Kinderwunsch so hoch war, dass sie versuchten, durch One-Night-Stands schwanger zu werden. Hanna Schiller appelliert am Ende des Interviews bei der Frage, ob sie noch was Wichtiges loswerden möchte in diesem Zusammenhang: „Es häufen sich momentan Anfragen von Privatspendern, die sich über meinen Instagram Account an Frauen wenden, und denen Samen spenden wollen. Es gibt immer mehr Frauen, die das tatsächlich machen.“ Man könne sich dadurch zwar Kosten sparen, aber man wüsste nie genau, welches Motiv der Mann hat und ob er gesund ist. Zudem können Männer bei einer solch nicht-rechtlichen Vereinbarung jederzeit das Sorgerecht verlangen.

Die immer größere Akzeptanz von Familiendiversität zeige aber laut Petra Thorn, dass es nicht mehr mit so einem starken Stigma verbunden sei. „Wenn alleinstehende Frauen stabil zu ihrer Entscheidung stehen, selbstbewusst ihren Weg gehen und dem Kind gegenüber offen damit umgehen können, höre ich häufig, dass Außenstehende diese Familienform akzeptieren und nicht mit Diskriminierung und Vorurteilen reagieren.“ Es gäbe meist viel mehr Verständnis, als dass die Frauen es vermutet hätten. Trotzdem sei bei Vielen im Beratungsgespräch die Angst vor Ablehnung groß.

Hanna Schiller habe noch nie direkte Vorurteile in der Gesellschaft erlebt. „Wenn dann lese ich nur irgendwelche negativen Kommentare aus Instagram, die ich mir aber gar nicht anschaue. Die Energie ist mir zu schade.“ Zudem sagt sie: „Man denkt das Normale ist Mama, Papa, Kind. Man muss erstmal verstehen, dass es eine andere Möglichkeit gibt und dass man die auch zulässt für sich. Ich merke oft in meiner Community, dass die Frauen noch nicht bereit sind, diesen Traum des Idealbildes loszulassen. Ich sehe aber auch, wie sich immer mehr Frauen für das Modell interessieren, auch ohne es vielleicht umzusetzen.“

Uschi Eisold hält weiter an ihrem Kinderwunsch fest und möchte Solomama werden: „Ich denke, bereit ist man dafür nie so richtig, auch wenn man zu zweit ist. Man kann nur dafür sorgen, dass die Umstände gut passen. Ganz ohne Unterstützung schafft man das glaube ich nicht.“ Sie will in Zukunft weitere Behandlungsversuche durchführen lassen, obwohl sie gerade eine Pause macht.

Seit Mitte 2020 bietet Hanna Schiller gemeinsam mit einer anderen Solomutter Kurse und Online-Coachings an. Die beiden möchten Frauen ermutigen, die gerne den gleichen Weg gehen möchten. Sie bleibt bei ihrer Meinung: „Ich habe das auch nicht von heute auf morgen sagen können, aber ich würde es immer wieder so machen.“

Beitragsbild: congerdesign, Pixabay License, via Pixabay

Das war ein Feature einer OR-Studentin über alleinerziehende Mütter in Deutschland

In den ersten beiden Semester lernen Studierende alles Wichtige über Journalismus – von den verschiedenen Darstellungsformen über journalistische Recherche bis hin zum journalistischen Schreiben. Im zweiten Semester verfassen OR-Studierende ein Feature – eine Mischung aus Bericht und Reportage – und können auf diese Weise erste praktische Erfahrung sammeln, sofern sie keine Vorkenntnisse in diesem Bereich haben.

Laura Hampel hat sich in ihrem Feature mit dem Thema alleinerziehende Mütter in Deutschland beschäftigt.

Porträt Laura Hampel

Laura Hampel

Geburtsvorbereitung statt Medien: Ursprünglich wollte Laura Hebamme werden. Durch ein Praktikum beim Radio hat sie dann doch die Medienbranche für sich entdekt und studiert jetzt Online-Redaktion.

In unserem Magazin „Einblicke“ veröffentlichen wir Studierende regelmäßig die Ergebnisse unserer Arbeit. Die Kategorie

enthält Arbeitsproben aus dem 2. Semester: Dann verfassen alle OR-Studierenden ein Feature (das ist fast das gleiche wie eine Reportage) zu einem Thema ihrer Wahl. Dafür recherchieren sie ein Semester lang sehr intensiv, führen Interviews und schreiben am Ende ihren Text, den manche dann auch auf unserer Website veröffentlichen. 

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Wie Frauen immer häufiger ohne Mann Mutter werden – Ein Feature

Diese Kategorie enthält Arbeitsproben aus dem 2. Semester: Dann verfassen alle OR-Studierenden ein Feature (das ist fast das gleiche wie eine Reportage) zu einem Thema ihrer Wahl. Dafür recherchieren sie ein Semester lang sehr intensiv, führen Interviews und schreiben am Ende ihren Text, den manche dann auch auf unserer Website veröffentlichen. Hier liest du eine dieser Geschichten.

Laut Statistiken der deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung lag der Anteil der durchgeführten Beratungen für Singlefrauen im zweiten Semester des Jahres 2016 bei 16%. Die Thematik scheint in Zeiten von gesicherten Renten, veränderter demographischer Strukturen und vielfältigen Karrierechancen für Frauen immer präsenter zu werden. Veränderte Familienmodelle wie beispielsweise Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Ehen oder alleinerziehende Mütter oder Väter sind in einem entwickelten Land wie Deutschland nichts Außergewöhnliches mehr. Doch wie funktioniert eine Solomutterschaft und wie steht die Gesellschaft zu Frauen, die sich dazu entscheiden, allein ein Kind zu bekommen?

Der Kinderwunsch

„Ich habe mir viele Jahre lang eingeredet, mir keine Kinder wünschen zu wollen, weil ich keinen Partner hatte. Ich dachte, wenn ich anfange an Kinder zu denken, dann werde ich nur frustriert, weil es ohne Partner nicht geht.“ Uschi Eisold ist 34 Jahre alt, Single und möchte gerne Mutter werden. „Man merkt, wenn der Wunsch da ist. Am Anfang hatte ich Angst, dass eine Solomutterschaft gesellschaftlich noch nicht akzeptiert ist. Eine Bekannte hat das dann aber auch gemacht und daraufhin habe ich mich dann auch mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich will mich nicht mit 45 dafür bemitleiden, dass mein Kinderwunsch unerfüllt ist.“

Die Vorsitzende des Fachverbandes für psychosoziale Kinderwunschberatung (BKiD), Frau Petra Thorn, ist Sozialarbeiterin und Familientherapeutin. Sie führt psychosoziale Beratungen für Frauen durch, die eine Solomutterschaft beabsichtigen, und hat sich auf den Schwerpunkt „Kinderwunschberatung der Familienbildung mit Spendersamen“ fokussiert. Sie sagt: „Fast immer stellt sich heraus, dass die Frauen eigentlich lieber ein Kind aus einer Beziehung möchten, aber die Beziehung nicht für einen Kinderwunsch tragbar war oder der Partner den Kinderwunsch nicht teilt.“ In einer Dokumentation des Südwestdeutschen Rundfunkdienstes wird in einer Statistik gezeigt, dass ¼ der Solomütter angeben, ihre langjährige Beziehung sei am Kinderwunsch zerbrochen.

So auch bei Hanna Schiller, sie ist heute 39 und ist Solomutter. Ihr Sohn ist mittlerweile 3 Jahre alt. Sie hatte verschiedene längere Beziehungen und bis sie etwa 30 Jahre alt war, habe sie noch gar keinen Kinderwunsch gespürt: „Als dieser jedoch dann kam, war es umso enttäuschender, als ich gemerkt habe, mein Partner teilt diese Vorstellung nicht. Und dann kam irgendwann der Gedanke: Binde ich diesen Kinderwunsch nur an ihn?“ Nach mehreren Jahren habe sie gemerkt, dass der Wunsch nach einem eigenen Kind zu groß sei und sich dazu entschieden, den Weg allein zu gehen. Hanna Schiller ist nebenberuflich Bloggerin und erzählt auf www.solomamapluseins.de, sowie auf Instagram von ihrer selbstgewählten Rolle als Alleinerziehende. Sie möchte anderen Frauen helfen, die gerne den gleichen Weg gehen möchten und zeigen, dass es nicht immer einen Vater geben muss.

Möglichkeiten Mutter zu werden

Um allein Mutter zu werden gibt es verschiedene theoretische Möglichkeiten. Die erste ist die Adoption, die in der Theorie nach §1741 Absatz 2 des BGB auch für Nichtverheiratete und Alleinstehende möglich ist. Jedoch gibt es in Deutschland viele Voraussetzungen und Bedingungen für eine Adoption. Gabrielle Stöcker, Beraterin von Pro Familia äußert dazu, dass oft verheiratete Ehepaare gewählt werden, da diese für das Adoptivkind oft mehr zeitliche und finanzielle Mittel zur Verfügung stellen können. Der Prozess sei sehr schwierig, lang und kostenintensiv. Zudem gäbe es in Deutschland viel mehr Wunscheltern als zur Adoption freigegebene Kinder, was es schon für Paare schwer mache, ein Kind zu adoptieren.

Die zweite Möglichkeit ist das sogenannte „Co-Parenting“. Co-Eltern haben keine romantische oder sexuelle Beziehung, bekommen aber gemeinsam ein Kind. Sie teilen sich die Verantwortung für das Kind, die Elternschaft und kümmern sich gemeinsam um die Grundbedürfnisse. Co-Elternschaft gibt es zu zweit, zu dritt und sogar zu viert. Diese moderne Form einer Familie nutzen nach den Aussagen von Gabrielle Stöcker viele Homosexuelle und wird oft unter Freunden und Bekanntenkreisen vereinbart. Es gibt keine Beratungspflicht, weshalb man keine genauen Zahlen zum Co-Parenting finden kann. Für Uschi Eisold kommt Co-Parenting nicht in Frage: „Co-Parenting wäre für mich nichts. Ich würde nicht mit jemandem das Sorgerecht teilen wollen.“

Die meisten Solomütter entscheiden sich deshalb für eine Samenspende. Diese kann man privat oder durch Samenbanken im In- oder Ausland durchführen. Petra Thorn vom BKiD berichtet: „Vor zwei Jahren ist in Deutschland das Samenspenderregistergesetz in Kraft getreten, welches die medizinische Behandlung von Solomüttern legal ermöglicht und den Samenspender schützt. Seitdem behandeln sehr viel mehr Kinderwunschzentren Solomütter.“ Der Samenspender gilt dadurch nicht als juristischer Vater, er hat keine Ansprüche auf das Kind und keine Vaterpflichten.

Gesetzeslage

Im Nachbarland Dänemark ist die Gesetzeslage besonders liberal, weshalb sich viele Frauen dort behandeln lassen. In Deutschland ist es trotz des neuen Gesetzes je nach Berufsordnung der Ärztekammern in den einzelnen Bundesländern immer noch eine Grauzone. Gabrielle Stöcker erklärt: „Per Gesetz ist es zwar erlaubt, jedoch sind Behandlungen für Singles je nach ärztlicher Berufsordnung rechtlich unterschiedlich geklärt. In der Ärztekammer Nordrhein steht beispielsweise, dass reproduktionsmedizinische Behandlungen nur bei Ehepaaren und Lebensgemeinschaften erlaubt sind. Deshalb ist es hier für den behandelnden Arzt immer ein berufsrechtliches Risiko.“ In anderen Bundesländern, beispielsweise in Sachsen-Anhalt, dürfen Singlemütter nach Anfrage des Arztes bei der zuständigen Ärztekammer behandelt werden. Die liberalere Berufsverordnung findet man in Deutschland in Berlin, Brandenburg und Bayern.

In den Kinderwunschzentren gibt es verschiedene Methoden für eine Befruchtung durch eine Samenspende. Die Gängigste ist die Intrauterine Insemination, kurz IUI, bei der die Spendersamen direkt durch den Gebärmutterhals in die Gebärmutter der Frau gespritzt werden. Diese Behandlung ähnelt natürlichem Geschlechtsverkehr am ehesten. Die Wahrscheinlichkeit dabei schwanger zu werden ist abhängig vom Alter der Frau, beträgt im Durchschnitt ca. 20% pro Behandlung. Uschi Eisold hatte in Berlin bisher drei dieser Behandlungen. Diese waren jedoch leider erfolglos.

Kinderwunschkliniken kooperieren mit verschiedenen Samenbanken. Dabei gibt es deutsche, aber auch europäische, bei denen die Spenderauswahl meist höher ist und man sich den Spender frei auswählen kann. Durch eine Samenspende hat das Kind, wenn es 16 Jahre alt ist, ein Recht auf das Wissen seiner Abstammung und darf Kontakt dem Spender aufbauen. Zuvor hat die Mutter das Recht, im Namen ihres Kindes die Identität des Spenders zu erfahren. Deshalb sind in Deutschland anonyme Spenden verboten. Zudem gibt es Portale im Internet, bei dem man die Spendernummer seines Kindes angeben und Kontakt zu möglichen Halbgeschwistern aufbauen kann.

Hanna Schiller hat zwei Versuche gebraucht, um schwanger zu werden. Der erste war damals in Kopenhagen, Dänemark, da sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, dass das in Deutschland möglich ist. Der zweite Versuch war in Berlin und erfolgreich. Ihr Sohn konnte durch das Internet bereits Halbgeschwister von sich kennenlernen.

Beratung

Um sich in den Kinderwunschkliniken behandeln zu lassen, gibt es oft verschiedene verpflichtende Beratungen. Petra Thorn berät die Frauen gemäß den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung, die sie für die besondere Situation von Solomüttern angepasst hat. Sie fokussiert sich vor allem auf drei Bereiche: Die finanziellen, sozialen und psychischen Ressourcen. Sie sagt, es gäbe auch Frauen, die sich nach der Beratung dazu entscheiden, noch auf einen Partner zu warten und sich eine Solomutterschaft doch nicht allein zutrauen.

Finanzen

Die Kinderwunschbehandlungen sind sehr kostspielig. Uschi Eisold hat sich bei der Berliner Samenbank behandeln lassen: „Also ich habe so eine Art Grundgebühr bezahlt. Das waren 2500€ und gilt für zwei Jahre oder zehn Versuche. Pro Samenspende mit Aufbereitung waren das dann nochmal 300€, für die Behandlung dann nochmal ca. 340€ und dann nochmal 50€ für Medikamente, die den Eisprung auslösen.“

Die Sehnsucht der Frauen nach einem Kind ist aber oft so groß, dass vielen Frauen, je nach finanzieller Möglichkeit, der Preis egal ist. Hanna Schiller erzählt: „Ich habe Frauen kennengelernt, die bis zu 60.000€ für ihr Wunschkind ausgegeben haben.“

Laut statistischem Bundesamt kostet ein Kind im Durchschnitt monatlich 660€ (Stand 2013). Das sind die Kosten, über die sich Frauen auch im Klaren sein müssen, denn diese tragen sie mindestens, bis sie nicht mehr unterhaltspflichtig sind. Hanna Schiller spricht da nun aus Erfahrung: „Man muss finanziell stabil aufgestellt sein, was auch immer das für jeden einzelnen bedeutet. Am besten ist es auch, dass man einen Job hat, der sicher und flexibel ist, dass man zum Beispiel auch mal Homeoffice machen kann.“ Uschi Eisold fühlt sich mit ihrer finanziellen Situation für ein Kind gewappnet: „Ich weiß, dass ich ein gutes Einkommen habe und zwei Leute finanzieren kann, aber die Kinderwunschbehandlung ist natürlich sehr teuer. Außerdem denke ich, dass man als Mutter automatisch auf andere Dinge verzichtet.“

Unterstützung

Mehr Unterstützung bekommen Solomütter nicht. Gabrielle Stöcker erklärt: „Sie bekommen keinen Unterhalt vom Spender und auch keinen Unterhaltsvorschuss vom Staat. Beim Unterhaltsvorschuss versucht der Staat immer herauszufinden, wer der Vater ist, damit dieser Unterhalt zahlen kann. Aber im Falle einer Samenspende bei Single-Müttern gibt es keinen Vater.“ Mütter haben nur den Anspruch auf Grundsicherung, das bedeutet das Kindergeld und das Elterngeld, was abhängig vom Einkommen, von anderen staatlichen Leistungen und von der Anzahl der Kinder ist.

Unabhängig der finanziellen Mittel kann der Alltag als Alleinerziehende sehr anstrengend sein. Hanna Schiller erzählt mir aus ihrem Alltag: „Ich werde nicht immer Allem gerecht. Die Entlastung fehlt mir manchmal und für ihn ist es dann halt schwer, wenn ich mal gereizter oder sage: Ich kann grade nicht.“ Doch sie erklärt mir auch genau den Unterschied zu alleinerziehenden Frauen, die durch eine Trennung allein sind, und zwischen ihr, die sich manchmal auch „Mother by Choice“ bezeichnet: „Manchmal denkt man dann, ich darf keine Unterstützung haben oder annehmen, weil ich wollte ja Mutter werden. Aber dieser Gedanke ist gefährlich, weil man dann auch gar nicht mehr zulässt, wenn manche einen fragen, ob man Hilfe braucht. Am Anfang habe ich immer „Nein“ gesagt, weil ich nicht wollte, dass mir jemand sagt: Siehste, habe ich doch gesagt, dass du es nicht schaffst.“

Psyche

Allein Mutter zu werden und zu sein kann sehr anstrengend sein, man geht an seine Belastungsgrenze. Umso wichtiger ist es, dass man selbst psychisch stabil ist und mit Stress umgehen kann. Und die psychische Belastung geht schon beim schwanger werden los: Als Hanna Schiller sich damals dazu entschied, sich für ein Kind von ihrem Partner zu trennen, spricht sie von „einem echt langen Prozess der Trauerarbeit. Diese Entscheidung ist sehr schmerzhaft, deshalb habe ich mir Hilfe geholt. Ich habe eine Therapie gemacht, weil ich jemanden drauf schauen lassen wollte, ob dieser Wunsch normal ist, oder ob Irgendetwas mit mir nicht stimmt. Habe ich irgendwelche Defizite, die ich versuche, durch ein Kind auszugleichen?“ Petra Thorn sagt dazu: „Für viele ist die Belastung im ersten Lebensjahr des Kindes viel höher als während der Schwangerschaft. Es ist daher sehr wichtig, die Hilfe von Freunden und Familie zu haben – und diese auch anzunehmen. Am besten hat man darüber bereits im Vorfeld gesprochen und weiß, auf wen man zugehen kann. Denn als Solomutter gibt es keinen Vater, der automatisch einspringt, falls man krank ist.“

Vorurteile

Doch wie offen ist die Gesellschaft heute für die sogenannten „Solomütter“? Sind die Mütter zusätzlich zu Mutterpflichten durch Vorurteile von außen belastet? In vergangenen Generationen war es nötig Kinder zu bekommen. Sie galten als Altersvorsorge und verdienten Geld für die Familie. Doch durch eine staatlich geregelte Rente ist die Möglichkeit zu einem „Nein“ für ein Kind entstanden und dadurch automatisch die Voraussetzung für ein bewusstes „Ja“. Laut einer Statista Studie aus dem Jahr 2017, war der Hauptgrund für ein Kind ein tieferer Sinn des Lebens. 47% der Singles sagten, dass sie aber auch ohne Kind glücklich seien. Gerade einmal 34% der Singles und 35% der Liierten wünschen sich (weitere) Kinder. Das Motiv, ein Kind zu bekommen und die Bereitschaft darauf zu verzichten hat sich stark geändert. Zudem hat sich das Bild der Frau in den letzten Jahrzehnten verändert und die Frau steht heute in einem Spannungsfeld zwischen dem Streben nach beruflicher Anerkennung und dem Wohlergehen des Kindes. Laut einer Caritas Umfrage, welches aus einem Projekt in den Jahren 2010-2012 entstanden ist, sagten 46,6% der Befragten, dass das Kind leide, wenn die Mutter berufstätig ist. 12,3% behaupteten sogar, arbeitende Mütter schaden dem Kind. In Umfragen aus moderneren Familienformen sagten jedoch 76,7%, dass es für das Kind sogar gut sei, wenn die Mutter arbeitet.

Es ist ein umstrittenes Thema, doch Solomütter sind nicht „nur“ alleinerziehend, sie wollen alleinerziehend sein und sind meist durch Samenspende schwanger geworden. In einer Forsa Studie aus dem Jahr 2015 gaben 31% der Befragten an, dass eine Samenspende nicht akzeptabel ist und nicht in Frage kommt. Es treffen viele verschiedene ethische Meinungen aufeinander.

Alleinerziehend zu sein, wird oftmals als Phase begriffen, nicht als Familienform. Für Solomütter ist es jedoch ein klares Lebenskonzept. Laut Befragungen erleben Alleinerziehende fast immer indirekte oder direkte Formen von Vorbehalten oder Benachteiligungen, zum Beispiel bei der Jobsuche. Doch durch solche alltäglichen Anforderungen werden die Singlemütter auch stärker. Die Gewissheit, es allein zu schaffen, gibt einem Stolz und Selbstvertrauen. Hanna Schiller sieht heute oft nur noch die Vorteile, allein die Verantwortung zu tragen: „Ich merke, ich bin total frei. Ich bin an niemanden, außer an mein Kind gebunden. Mein Sohn erfährt keine partnerschaftlichen Konflikte, nur die Konflikte unter uns beiden. Und ich muss mich nicht noch um eine Beziehung kümmern, sondern nur auf meinen Sohn um mich achten.“ Mit am schönsten finde sie jedoch, dass sie sich ihr Umfeld selbst aussuchen könne und sie sich nur mit Freunden umgibt, die ihr, und damit auch ihrem Sohn, guttun. Sie wünscht sich aktuell auch keinen Partner: „Wenn das zwar ein Partner wäre, der sich für Gleichberechtigung stark macht und ich mich mit ihm gut austauschen könnte ja, aber es fehlt mir emotional momentan gar nicht.“

Petra Thorn hat in den vergangenen fünf bis zehn Jahren stark erlebt, wie viel höher die Bereitschaft für eine Solomutterschaft ist. In der 2. Jahreshälfte des Jahres 2016 waren es laut ihren Aussagen 16%, das bedeutet 266 alleinstehende Frauen, die eine Kinderwunschberatung für eine Behandlung im Kinderwunschzentrum benötigten. 20-30% der Samenspenden von deutschen Samenbanken gehen an Singlefrauen, Tendenz steigend. Hinzu kommt laut Frau Stöcker von Pro Familia eine möglicherweise größere Dunkelziffer an Alleinstehenden, die sich private Samenspender suchen oder die Behandlung im Ausland durchführen. Uschi Eisold sagt auch, sie kenne Bekannte, bei denen der Kinderwunsch so hoch war, dass sie versuchten, durch One-Night-Stands schwanger zu werden. Hanna Schiller appelliert am Ende des Interviews bei der Frage, ob sie noch was Wichtiges loswerden möchte in diesem Zusammenhang: „Es häufen sich momentan Anfragen von Privatspendern, die sich über meinen Instagram Account an Frauen wenden, und denen Samen spenden wollen. Es gibt immer mehr Frauen, die das tatsächlich machen.“ Man könne sich dadurch zwar Kosten sparen, aber man wüsste nie genau, welches Motiv der Mann hat und ob er gesund ist. Zudem können Männer bei einer solch nicht-rechtlichen Vereinbarung jederzeit das Sorgerecht verlangen.

Die immer größere Akzeptanz von Familiendiversität zeige aber laut Petra Thorn, dass es nicht mehr mit so einem starken Stigma verbunden sei. „Wenn alleinstehende Frauen stabil zu ihrer Entscheidung stehen, selbstbewusst ihren Weg gehen und dem Kind gegenüber offen damit umgehen können, höre ich häufig, dass Außenstehende diese Familienform akzeptieren und nicht mit Diskriminierung und Vorurteilen reagieren.“ Es gäbe meist viel mehr Verständnis, als dass die Frauen es vermutet hätten. Trotzdem sei bei Vielen im Beratungsgespräch die Angst vor Ablehnung groß.

Hanna Schiller habe noch nie direkte Vorurteile in der Gesellschaft erlebt. „Wenn dann lese ich nur irgendwelche negativen Kommentare aus Instagram, die ich mir aber gar nicht anschaue. Die Energie ist mir zu schade.“ Zudem sagt sie: „Man denkt das Normale ist Mama, Papa, Kind. Man muss erstmal verstehen, dass es eine andere Möglichkeit gibt und dass man die auch zulässt für sich. Ich merke oft in meiner Community, dass die Frauen noch nicht bereit sind, diesen Traum des Idealbildes loszulassen. Ich sehe aber auch, wie sich immer mehr Frauen für das Modell interessieren, auch ohne es vielleicht umzusetzen.“

Uschi Eisold hält weiter an ihrem Kinderwunsch fest und möchte Solomama werden: „Ich denke, bereit ist man dafür nie so richtig, auch wenn man zu zweit ist. Man kann nur dafür sorgen, dass die Umstände gut passen. Ganz ohne Unterstützung schafft man das glaube ich nicht.“ Sie will in Zukunft weitere Behandlungsversuche durchführen lassen, obwohl sie gerade eine Pause macht.

Seit Mitte 2020 bietet Hanna Schiller gemeinsam mit einer anderen Solomutter Kurse und Online-Coachings an. Die beiden möchten Frauen ermutigen, die gerne den gleichen Weg gehen möchten. Sie bleibt bei ihrer Meinung: „Ich habe das auch nicht von heute auf morgen sagen können, aber ich würde es immer wieder so machen.“

Beitragsbild: congerdesign, Pixabay License, via Pixabay

Das war ein Feature einer OR-Studentin über alleinerziehende Mütter in Deutschland

In den ersten beiden Semester lernen Studierende alles Wichtige über Journalismus – von den verschiedenen Darstellungsformen über journalistische Recherche bis hin zum journalistischen Schreiben. Im zweiten Semester verfassen OR-Studierende ein Feature – eine Mischung aus Bericht und Reportage – und können auf diese Weise erste praktische Erfahrung sammeln, sofern sie keine Vorkenntnisse in diesem Bereich haben.

Laura Hampel hat sich in ihrem Feature mit dem Thema alleinerziehende Mütter in Deutschland beschäftigt.

Porträt Laura Hampel

Laura Hampel

Geburtsvorbereitung statt Medien: Ursprünglich wollte Laura Hebamme werden. Durch ein Praktikum beim Radio hat sie dann doch die Medienbranche für sich entdekt und studiert jetzt Online-Redaktion.

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