Eltern in der Zwischenwelt – ein Feature

Wenn man weiß ist und in Deutschland lebt, gehört man automatisch zur Mehrheitsgesellschaft. Rassismus spielt dann nur eine kleine bis gar keine Rolle im Leben. Rassistische Erfahrungen? Fehlanzeige. Doch was passiert, wenn man einen Schwarzen Partner oder eine Schwarze Partnerin hat? Dann wird Rassismus schnell ein zentrales Thema – vor allem wenn es um gemeinsame Kinder geht. Denn wie geht man mit einem Thema um, mit dem sich die eigenen Kinder ständig auseinandersetzen müssen, mit dem man selbst aber nie wirklich in Berührung kommt?

„Oh Gott!“, ist ein Ausspruch, an den Nathalie Senger* sich heute – über 20 Jahre später – noch gut erinnert. Es sind Worte, die fremde Menschen ausriefen, nachdem sie einen erwartungsvollen Blick in ihren Kinderwagen geworfen hatten. Nathalie Senger ist heute 54 Jahre alt und hat, wie tausende andere Frauen im Jahr 1997 in Deutschland ein Kind zur Welt gebracht. Und doch mussten sie und ihre Tochter seitdem viel mehr kämpfen als die meisten Anderen. Der Grund dafür ist simpel: Nathalie ist weiß, ihre Tochter Melanie* dagegen Schwarz. Schwarz wird in diesem Zusammenhang großgeschrieben, weil es sich hier nicht um die Farbe handelt, sondern um ein gesellschaftliches Konstrukt. Schwarz ist die Selbstbezeichnung einer Gruppe von Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe Erfahrungen mit Rassismus machen. Im Gegensatz dazu wird in diesem Zusammenhang auch von weißen (klein und kursiv geschrieben) Menschen gesprochen – sie gehören zu der Gruppe von Menschen, die solche Erfahrungen nicht machen.

Von den 416.324 Ehen, die 2019 in Deutschland geschlossenen wurden, war fast jede achte Ehe binational – das bedeutet, dass eine*r der Partner*innen die deutsche und eine*r eine ausländische Staatsbürgerschaft hat – was nicht automatisch bedeutet, dass eine*r der Partner*innen Schwarz ist. Denn wie viele dieser Paare unterschiedliche Hautfarben haben, ist nicht bekannt. Ebenfalls nicht bekannt ist, wie viele dieser Paare in den letzten Jahren Kinder bekommen haben. Der Grund: Das statistische Bundesamt erhebt seit dem zweiten Weltkrieg keine bevölkerungsstatistischen oder sozioökonomischen Daten mehr auf ethnischer Basis. Ein Grund dafür ist das Ausnutzen solcher Zahlen für die Verfolgung von Minderheiten während des Nationalsozialismus. Doch feststeht, Nathalie Senger ist nicht als einzige betroffen. Laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes leben z.B. bereits über eine Million Menschen mit afrikanischer Herkunft in Deutschland.

Alltagsrassismus

Nathalie Senger lernt den Vater ihrer Tochter in Indien kennen, wo sie als junge Frau eine Zeit lang lebt. Er war dort, um zu studieren, kommt ursprünglich aus dem Sudan. Noch vor der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter kommen sie nach Deutschland. Doch schon nach kurzer Zeit trennen sie sich wieder. Nathalie Senger wird zur Alleinerziehenden. Einer Alleinerziehenden mit Sonderstellung. So jedenfalls bekommt sie es von ihrer Umwelt vermittelt. Und auch ihre Tochter Melanie merkt bald, dass sie „anders“ ist und vor allem anders behandelt wird als die meisten ihrer Freund*innen, Mitschüler*innen oder Kommiliton*innen. Nathalie Senger bemerkt die Veränderungen schon bald nach der Geburt. Neue Bekannte sind oft überrascht, wenn sie ihre Schwarze Tochter aus dem Kinderwagen hebt. Damit hatten die meisten nicht gerechnet und behalten ihr Erstaunen auch nicht für sich. Das ändert sich auch nicht, als Melanie größer wird. In der Schule wird sie neben ihren weißen Freundinnen in Konfliktsituationen von Lehrer*innen oder anderen Aufsichtspersonen oft zum Sündenbock erklärt, erzählt Nathalie Senger. Immer öfter hätte sie sich in einer Rechtfertigungsposition wiedergefunden, die ihr, noch dazu als Alleinerziehende, oft Probleme bereitete. Bezeichnungen wie „Schokolade“ kommen immer wieder vor. Melanie reagiert darauf schon als kleines Kind und versucht der Situation mit Humor zu begegnen: „Du weiße Schokolade!“. Sie und ihre Mutter lernen schnell, dass man sich sowohl als Teil einer binationalen Familie als auch als Schwarzes Mädchen nie verstecken kann.

Das weiß auch Brigitte Link. Die 39-jährige wohnt zusammen mit ihrem Mann und den drei gemeinsamen Kindern im Alter von sieben, fünf und zwei Jahren in Bonn. Ihr Mann kommt aus Mali, ihre Kinder sind – im Gegensatz zu ihr – Schwarz. Seit anderthalb Jahren leitet sie gemeinsam mit drei weiteren Müttern eine Afrodeutsche Spielgruppe in Bonn. Die Gruppe gehört zum Verband binationaler Familien und Partnerschaften. Dort trafen sich vor der Corona-Pandemie einmal im Monat Eltern Schwarzer Kinder zu einem gemeinsamen Brunch. Die Kinder spielen, die Eltern reden. Brigitte Link kennt die Berichte der anderen Teilnehmer*innen gut: Von schlechten Noten in der Schule trotz guter Leistungen bis zur fast schon „klassischen“ Frage: „Woher kommst du…also so richtig?“ ist alles dabei. Sie selbst, so sagt sie, hat glücklicherweise noch nicht viele solcher Erfahrungen machen müssen. Doch auch ihren Kindern wird unaufgefordert in die Haare gefasst oder unterstellt, ihre guten Tanzfähigkeiten lägen „ihnen im Blut“. Brigitte Link ist klar, dass die meisten dieser Aussagen und Handlungen gar nicht böse gemeint sind. Dieses Phänomen wird auch „positiver Rassismus“ genannt. Trotzdem setzt es ihre Kinder herab, gibt ihnen das Gefühl anders zu sein, nicht der Norm zu entsprechen.

Andere Erfahrungswelten

Das als Eltern mit ansehen zu müssen ist schwer. „Wir haben oft den Impuls unseren Kindern zu sagen: Du kannst dich gegen Rassismus wehren! Aber das ist eine Lüge“, erklärt Tupoka Ogette in einem Video-Talk zum Thema „Rassismus im Alltag“. Ogette ist Expertin auf dem Gebiet. Sie ist Anti-Rassismus-Trainerin und will als Aktivistin Menschen dazu bringen, Rassismus-kritisch denken zu lernen. Dafür veranstaltet sie Workshops und hat auch ein Buch geschrieben mit dem Titel „Exit Racism“. „Rassismus ist so ein großes, riesiges System, das seit so vielen Jahrhunderten existiert. Es ist nicht möglich, Rassismus zu verhindern“, so sagt sie weiter. Vielmehr sollten Eltern ihre Kinder unterstützen, indem sie ihnen spiegeln: Nicht du bist das Problem, sondern der Rassismus ist es. Eltern Schwarzer Kinder erleben solche Situationen häufig – und besonders weiße Eltern haben dabei oft ein Problem richtig zu reagieren. Auf die Frage, warum das so ist, hat Ogette eine klare Antwort: Weiße Meschen werden in unserer Gesellschaft anders positioniert als nicht-weiße Menschen und machen daher auch andere Erfahrungen. Das Schwarze Kind wird also zwangsläufig andere Erfahrungen machen als sein weißes Elternteil.

Brigitte Link ist sich dieser Tatsache sehr bewusst: „Wir als weiße Eltern haben nie Rassismus-Erfahrungen gemacht und werden sie auch nie machen müssen“, sagt die 39-Jährige. Deshalb sieht sie sich besonders in der Verantwortung als Mutter, für ihre Kinder und deren Probleme sensibilisiert zu sein. Dabei helfen ihr besonders die regelmäßigen Gruppentreffen mit der afrodeutschen Spielgruppe. Dort tauscht sie sich mit anderen Eltern aus und genießt es, einen Raum für offene Fragen zu haben. Zusätzlich laden sie dort Expert*innen ein und nehmen an Workshops teil. Erst durch den so ermöglichten Austausch, sagt sie, wären ihr viele Dinge klar geworden und sie überdenke dadurch ihr Bild von Rassismus immer wieder. So habe sie Aussagen wie „Das liegt den Kindern im Blut“ erst gar nicht als so schlimm eingeschätzt. „Nur weil man Schwarze Kinder hat, heißt das nicht, dass man jetzt besonders sensibilisiert ist“, sagt Link. Auch wenn der Austausch in der Gruppe nicht immer klar strukturiert ist, hilft das Gespräch mit den anderen Eltern ihr, sich intensiv mit den Themen auseinanderzusetzen und neue Perspektiven zu finden. So wurde ihr auch bewusst wie unsinnig die Aussage über das Tanzen eigentlich ist und wie sie auf ihre Kinder wirken kann.

Nathalie Senger hat sich wegen ihrer Rolle als weiße Mutter oft in einer Art „Zwischenwelt“ gefühlt: „Ich gehörte nicht zu den Sudanesen und irgendwie gehörte ich auch nicht richtig nur zu den weißen, weil die meine Probleme ja auch nicht gekannt haben“, sagt sie aus heutiger Perspektive. Sie spricht auch von einem Einsamkeitsfaktor. Trotzdem unterstützt sie ihre Tochter Melanie immer so gut es geht, indem sie versucht, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Sie will ihr vermitteln: Du bist okay so wie du bist. Ihrer Gefühle wird sich die 54-jährige teilweise heute erst richtig bewusst. Auch verschiedene Situationen kann sie erst jetzt im Rückblick besser einordnen. Damals habe sie sich oft eingeredet, ihr Gegenüber hätte es anders gemeint. Es sei manchmal schwierig gewesen zu erkennen, ob eine Situation einen rassistischen Hintergrund hatte oder nicht, sagt Senger heute.

Dass weiße Elternteile rassistische Situationen und Erfahrungen teilweise verharmlosen, hat die Entwicklungssoziologin Gotlinde Lwanga schon in den 1990er Jahren untersucht. Im Zuge eines Interviewprojekts gemeinsam mit der Soziologin Dagmar Schulz sprach Lwanga mit verschiedenen betroffenen Müttern über deren Umgang mit rassistischen Situationen – mit ähnlichen Ergebnissen. Den Grund für diese Verhaltensweisen sieht sie in den unterschiedlichen Lebenswelten der Mütter und ihrer Kinder. Sie stehen sich zwar sehr nahe, doch sie machen unterschiedliche Erfahrungen im Leben, werden unterschiedlich behandelt. „Die Frauen verharmlosen diese Situationen, weil sie kein System dafür haben“, erklärt Lwanga. Sie fühlten sich oft hilflos, da sie nicht wüssten, wie sie ihren Kindern rassistische Äußerungen am besten erklären können. Einige Mütter würden dabei an der Herausforderung scheitern, rassistische Äußerungen zu erklären, ohne selbst rassistische Denkmuster aufzugreifen.

Vorbilder finden

Lwanga betont daher, wie wichtig es ist, dass Schwarze Kinder in ihrem Umfeld weitere Bezugspersonen und Vorbilder haben, die ihre Probleme und Erfahrungen teilen können. Egal, ob es sich dabei um den Familien- und Bekanntenkreis, oder eine Gruppe, wie der von Brigitte Link, handelt. Das Finden von Vorbildern könne für Schwarze Kinder in Deutschland sonst zur Herausforderung werden, so die Meinung der Soziologin. Sie kritisiert besonders das deutsche Fernsehprogramm: „Das ganze Programm ist so fantasielos, weiß und deutsch“. Schwarze Menschen kämen hier so gut wie gar nicht vor, obwohl die Möglichkeiten, diversere Filme zu zeigen, durchaus vorhanden wären. Fehlende Diversität in der deutschen Film- und Fernsehwelt wird schon länger kritisiert, doch bisher gibt es wenig aussagekräftige Zahlen zu diesem Thema. 2020 fand die erste Befragung zum Thema „Vielfalt im Film“ unter deutschen Filmschaffenden statt und wurde unter anderem von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes unterstützt. Die Ergebnisse stehen jedoch noch aus. Die Initiatoren wünschen sich, dass die Studie dabei hilft, die deutsche Film- und Fernsehlandschaft in Zukunft so vielfältig zu gestalten, wie es die Gesellschaft vorgibt. „Die Förderung von Vielfalt und der Abbau von Diskriminierung sind untrennbar miteinander verbunden“, ist sich Martin Wilhelm sicher. Er ist Geschäftsführer der zivilgesellschaftlichen Organisation „Citizens For Europe“, die die Studie mitinitiiert hat. „Beides ist nur möglich, wenn wir genau wissen, wie es um die Vielfalt im Film gestellt ist und welche konkreten Erfahrungen Filmschaffende vor und hinter der Kamera machen.“ Vielfalt im Film biete die Datengrundlage, um wirkungsvolle Maßnahmen anzustoßen und die Repräsentation der Vielfalt der Gesellschaft in der Filmbranche widerzuspiegeln, so Wilhelm weiter.

Brigitte Link wünscht sich im Alltag auch mehr Vorbilder für ihre Kinder, die deren Lebensrealität entsprechen. Deshalb sucht sie für sie nach Kinderbüchern, in denen nicht nur weiße Kinder eine Hauptrolle spielen. Aus Amerika und Afrika gäbe es da schon einiges, sagt sie, aber am liebsten möchte sie Bücher, die hier in Deutschland spielen. Nur so könnten sich ihre Kinder am besten damit identifizieren und verstehen, dass sie genauso in dieses Land gehören, wie zum Beispiel die blonde, blauäugige Conni aus den Pixi-Büchern. Deshalb hat sie gemeinsam mit den anderen Organisatorinnen auch schon eine Kinderbuch-Autorin als Gast zur Afrodeutschen Spielgruppe eingeladen. Dort tauschen sie sich außerdem regelmäßig über neue Literaturtipps aus. Brigitte Link sieht noch einen weiteren Vorteil in den regelmäßigen Treffen: Ihre Kinder spielen dort mit anderen Kindern, die genauso aussehen wie sie. Sie stechen dort nicht heraus. „Sie können sich dort wohl fühlen und einfach so sein, wie sie sind“, findet die dreifache Mutter. Wie wichtig das ist, erkennt Brigitte Link auch im Gespräch mit den anderen Eltern. Nicht wenige von ihnen berichten, dass ihre Töchter sich schon im Alter von fünf Jahren am liebsten die Haare glätten und blond färben würden – um möglichst so auszusehen, wie ihre Barbies.

Neue Impulse durch Black Lives Matter?

Rassismus ist ein strukturelles Problem, das seit Jahrhunderten existiert und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Doch selten wurde in letzter Zeit soviel darüber gesprochen, wie im Frühjahr 2020. Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd erlangte die bereits seit 2013 existierende Bewegung „Black Lives Matter“ internationale Bekanntheit. Auch in Deutschland gibt es große Kundgebungen und Demonstrationen. Vor allem in den Medien spielt das Thema Rassismus plötzlich eine große Rolle. Anti-Diskriminierungsexpert*innen und Aktivist*innen wie Tupoka Ogette sind stark gefragt. Schon sie allein erhält nach eigenen Angaben hunderte Presseanfragen in dieser Zeit. Doch die meisten von ihnen machen sie eher wütend. Denn anstatt das Thema konstruktiv anzugehen, fragten viele Journalisten zuallererst, ob es Rassismus in Deutschland überhaupt noch gäbe. Ogette schrieb in einem Statement auf ihrem Instagram-Account dazu: „Es ist rassistisch zu fragen, ob es in Deutschland noch Rassismus gibt. Es ist ein Schlag ins Gesicht jeder einzelnen BIPOC Person [Black, Indigenous, People of Color, Anm. d. Redaktion], die in diesem Land mit Rassismus zu kämpfen hat. Es ist ein Hohn für alle Eltern, die ihre Schwarzen Kinder oder Kids of Color abends ins Bett bringen, wohlwissend, dass sie ihre Kinder nicht vor Rassismus schützen können“.

Auch Gotlinde Lwange ist enttäuscht, dass sich seit ihren Forschungen in den 1990er Jahren so wenig auf dem Gebiet getan hat. Sie betont aber auch die Relevanz von neuen Forschungsbegriffen wie „critical whiteness“ oder die gestiegene Zahl an Workshop-Angeboten. Unter „critical whiteness“ versteht man unter anderem die kritische Auseinandersetzung weißer Menschen mit ihrer Hautfarbe und dem Anerkennen daraus resultierender Privilegien. Doch vor allem im Bereich der Sozialpädagogik, in dem Lwanga arbeitet, sieht sie noch immer große Lücken: „Ich habe immer wieder junge Leute in der Beratung sitzen und ich weiß nicht, wo ich sie hinschicken kann“, sagt Lwanga. Die „Black Lives Matter“ Bewegung macht sie neugierig. Bisher beziehe sich die Bewegung nur auf die Spitze von rassistischer Gewalt. Lwanga wünscht sich, dass die Auseinandersetzung dort in Zukunft noch tiefer gehen wird. Dafür sei es wichtig, in Zukunft unaufgeregt an dem Thema weiterzuarbeiten.

Sowohl Brigitte Link als auch Melanie Senger sind froh, dass mit der Entstehung der Bewegung mehr über das Thema Rassismus gesprochen wird. Doch ihnen ist auch klar, dass dies nur ein erster Schritt sein kann. „Ich glaube, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist, das schon viele hundert Jahre existiert. Es wird noch sehr lange dauern, das zu überwinden, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Brigitte Link. Es sei wichtig jetzt anzusetzen und die Diskussion nicht dabei zu belassen. Melanie Senger haben die aktuellen Ereignisse geholfen, ihre eigene Geschichte genauer zu reflektieren. So wünscht sie sich auch für andere, dass die Debatte ihnen dabei hilft, sich des Themas bewusst zu werden und nicht direkt abzublocken, wenn man es anspricht – damit in Zukunft keine Mutter mehr die Worte „oh Gott“ hören muss, nachdem man in ihren Kinderwagen geschaut hat.

*Namen geändert

Beitragsbild: Newlyweds wearing rings, Désirée Fawn, Unsplash License via Unsplash

Das war ein Feature einer OR-Studentin über Rassismuserfahrungen binationaler Familien

In den ersten beiden Semester lernen Studierende alles Wichtige über Journalismus – von den verschiedenen Darstellungsformen über journalistische Recherche bis hin zum journalistischen Schreiben. Im zweiten Semester verfassen OR-Studierende ein Feature – eine Mischung aus Bericht und Reportage – und können auf diese Weise erste praktische Erfahrung sammeln, sofern sie keine Vorkenntnisse in diesem Bereich haben.

Klara Scherholz hat sich in ihrem Feature mit dem Thema Rassismuserfahrungen in binationalen Familien beschäftigt.

Klara Scherholz

Klara Scherholz

Wenn sie nicht gerade am Website-Relaunch arbeitet, macht sie vermutlich entweder Musik mit ihrem Orchester oder wirft ein paar Körbe beim Basketball.

In unserem Magazin „Einblicke“ veröffentlichen wir Studierende regelmäßig die Ergebnisse unserer Arbeit. Die Kategorie

enthält Arbeitsproben aus dem 2. Semester: Dann verfassen alle OR-Studierenden ein Feature (das ist fast das gleiche wie eine Reportage) zu einem Thema ihrer Wahl. Dafür recherchieren sie ein Semester lang sehr intensiv, führen Interviews und schreiben am Ende ihren Text, den manche dann auch auf unserer Website veröffentlichen. 

Folgende Schlagwörter finden wir aus dem Redaktionsteam für diesen Beitrag relevant: 

Eltern in der Zwischenwelt – ein Feature

Diese Kategorie enthält Arbeitsproben aus dem 2. Semester: Dann verfassen alle OR-Studierenden ein Feature (das ist fast das gleiche wie eine Reportage) zu einem Thema ihrer Wahl. Dafür recherchieren sie ein Semester lang sehr intensiv, führen Interviews und schreiben am Ende ihren Text, den manche dann auch auf unserer Website veröffentlichen. Hier liest du eine dieser Geschichten.

Wenn man weiß ist und in Deutschland lebt, gehört man automatisch zur Mehrheitsgesellschaft. Rassismus spielt dann nur eine kleine bis gar keine Rolle im Leben. Rassistische Erfahrungen? Fehlanzeige. Doch was passiert, wenn man einen Schwarzen Partner oder eine Schwarze Partnerin hat? Dann wird Rassismus schnell ein zentrales Thema – vor allem wenn es um gemeinsame Kinder geht. Denn wie geht man mit einem Thema um, mit dem sich die eigenen Kinder ständig auseinandersetzen müssen, mit dem man selbst aber nie wirklich in Berührung kommt?

„Oh Gott!“, ist ein Ausspruch, an den Nathalie Senger* sich heute – über 20 Jahre später – noch gut erinnert. Es sind Worte, die fremde Menschen ausriefen, nachdem sie einen erwartungsvollen Blick in ihren Kinderwagen geworfen hatten. Nathalie Senger ist heute 54 Jahre alt und hat, wie tausende andere Frauen im Jahr 1997 in Deutschland ein Kind zur Welt gebracht. Und doch mussten sie und ihre Tochter seitdem viel mehr kämpfen als die meisten Anderen. Der Grund dafür ist simpel: Nathalie ist weiß, ihre Tochter Melanie* dagegen Schwarz. Schwarz wird in diesem Zusammenhang großgeschrieben, weil es sich hier nicht um die Farbe handelt, sondern um ein gesellschaftliches Konstrukt. Schwarz ist die Selbstbezeichnung einer Gruppe von Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe Erfahrungen mit Rassismus machen. Im Gegensatz dazu wird in diesem Zusammenhang auch von weißen (klein und kursiv geschrieben) Menschen gesprochen – sie gehören zu der Gruppe von Menschen, die solche Erfahrungen nicht machen.

Von den 416.324 Ehen, die 2019 in Deutschland geschlossenen wurden, war fast jede achte Ehe binational – das bedeutet, dass eine*r der Partner*innen die deutsche und eine*r eine ausländische Staatsbürgerschaft hat – was nicht automatisch bedeutet, dass eine*r der Partner*innen Schwarz ist. Denn wie viele dieser Paare unterschiedliche Hautfarben haben, ist nicht bekannt. Ebenfalls nicht bekannt ist, wie viele dieser Paare in den letzten Jahren Kinder bekommen haben. Der Grund: Das statistische Bundesamt erhebt seit dem zweiten Weltkrieg keine bevölkerungsstatistischen oder sozioökonomischen Daten mehr auf ethnischer Basis. Ein Grund dafür ist das Ausnutzen solcher Zahlen für die Verfolgung von Minderheiten während des Nationalsozialismus. Doch feststeht, Nathalie Senger ist nicht als einzige betroffen. Laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes leben z.B. bereits über eine Million Menschen mit afrikanischer Herkunft in Deutschland.

Alltagsrassismus

Nathalie Senger lernt den Vater ihrer Tochter in Indien kennen, wo sie als junge Frau eine Zeit lang lebt. Er war dort, um zu studieren, kommt ursprünglich aus dem Sudan. Noch vor der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter kommen sie nach Deutschland. Doch schon nach kurzer Zeit trennen sie sich wieder. Nathalie Senger wird zur Alleinerziehenden. Einer Alleinerziehenden mit Sonderstellung. So jedenfalls bekommt sie es von ihrer Umwelt vermittelt. Und auch ihre Tochter Melanie merkt bald, dass sie „anders“ ist und vor allem anders behandelt wird als die meisten ihrer Freund*innen, Mitschüler*innen oder Kommiliton*innen. Nathalie Senger bemerkt die Veränderungen schon bald nach der Geburt. Neue Bekannte sind oft überrascht, wenn sie ihre Schwarze Tochter aus dem Kinderwagen hebt. Damit hatten die meisten nicht gerechnet und behalten ihr Erstaunen auch nicht für sich. Das ändert sich auch nicht, als Melanie größer wird. In der Schule wird sie neben ihren weißen Freundinnen in Konfliktsituationen von Lehrer*innen oder anderen Aufsichtspersonen oft zum Sündenbock erklärt, erzählt Nathalie Senger. Immer öfter hätte sie sich in einer Rechtfertigungsposition wiedergefunden, die ihr, noch dazu als Alleinerziehende, oft Probleme bereitete. Bezeichnungen wie „Schokolade“ kommen immer wieder vor. Melanie reagiert darauf schon als kleines Kind und versucht der Situation mit Humor zu begegnen: „Du weiße Schokolade!“. Sie und ihre Mutter lernen schnell, dass man sich sowohl als Teil einer binationalen Familie als auch als Schwarzes Mädchen nie verstecken kann.

Das weiß auch Brigitte Link. Die 39-jährige wohnt zusammen mit ihrem Mann und den drei gemeinsamen Kindern im Alter von sieben, fünf und zwei Jahren in Bonn. Ihr Mann kommt aus Mali, ihre Kinder sind – im Gegensatz zu ihr – Schwarz. Seit anderthalb Jahren leitet sie gemeinsam mit drei weiteren Müttern eine Afrodeutsche Spielgruppe in Bonn. Die Gruppe gehört zum Verband binationaler Familien und Partnerschaften. Dort trafen sich vor der Corona-Pandemie einmal im Monat Eltern Schwarzer Kinder zu einem gemeinsamen Brunch. Die Kinder spielen, die Eltern reden. Brigitte Link kennt die Berichte der anderen Teilnehmer*innen gut: Von schlechten Noten in der Schule trotz guter Leistungen bis zur fast schon „klassischen“ Frage: „Woher kommst du…also so richtig?“ ist alles dabei. Sie selbst, so sagt sie, hat glücklicherweise noch nicht viele solcher Erfahrungen machen müssen. Doch auch ihren Kindern wird unaufgefordert in die Haare gefasst oder unterstellt, ihre guten Tanzfähigkeiten lägen „ihnen im Blut“. Brigitte Link ist klar, dass die meisten dieser Aussagen und Handlungen gar nicht böse gemeint sind. Dieses Phänomen wird auch „positiver Rassismus“ genannt. Trotzdem setzt es ihre Kinder herab, gibt ihnen das Gefühl anders zu sein, nicht der Norm zu entsprechen.

Andere Erfahrungswelten

Das als Eltern mit ansehen zu müssen ist schwer. „Wir haben oft den Impuls unseren Kindern zu sagen: Du kannst dich gegen Rassismus wehren! Aber das ist eine Lüge“, erklärt Tupoka Ogette in einem Video-Talk zum Thema „Rassismus im Alltag“. Ogette ist Expertin auf dem Gebiet. Sie ist Anti-Rassismus-Trainerin und will als Aktivistin Menschen dazu bringen, Rassismus-kritisch denken zu lernen. Dafür veranstaltet sie Workshops und hat auch ein Buch geschrieben mit dem Titel „Exit Racism“. „Rassismus ist so ein großes, riesiges System, das seit so vielen Jahrhunderten existiert. Es ist nicht möglich, Rassismus zu verhindern“, so sagt sie weiter. Vielmehr sollten Eltern ihre Kinder unterstützen, indem sie ihnen spiegeln: Nicht du bist das Problem, sondern der Rassismus ist es. Eltern Schwarzer Kinder erleben solche Situationen häufig – und besonders weiße Eltern haben dabei oft ein Problem richtig zu reagieren. Auf die Frage, warum das so ist, hat Ogette eine klare Antwort: Weiße Meschen werden in unserer Gesellschaft anders positioniert als nicht-weiße Menschen und machen daher auch andere Erfahrungen. Das Schwarze Kind wird also zwangsläufig andere Erfahrungen machen als sein weißes Elternteil.

Brigitte Link ist sich dieser Tatsache sehr bewusst: „Wir als weiße Eltern haben nie Rassismus-Erfahrungen gemacht und werden sie auch nie machen müssen“, sagt die 39-Jährige. Deshalb sieht sie sich besonders in der Verantwortung als Mutter, für ihre Kinder und deren Probleme sensibilisiert zu sein. Dabei helfen ihr besonders die regelmäßigen Gruppentreffen mit der afrodeutschen Spielgruppe. Dort tauscht sie sich mit anderen Eltern aus und genießt es, einen Raum für offene Fragen zu haben. Zusätzlich laden sie dort Expert*innen ein und nehmen an Workshops teil. Erst durch den so ermöglichten Austausch, sagt sie, wären ihr viele Dinge klar geworden und sie überdenke dadurch ihr Bild von Rassismus immer wieder. So habe sie Aussagen wie „Das liegt den Kindern im Blut“ erst gar nicht als so schlimm eingeschätzt. „Nur weil man Schwarze Kinder hat, heißt das nicht, dass man jetzt besonders sensibilisiert ist“, sagt Link. Auch wenn der Austausch in der Gruppe nicht immer klar strukturiert ist, hilft das Gespräch mit den anderen Eltern ihr, sich intensiv mit den Themen auseinanderzusetzen und neue Perspektiven zu finden. So wurde ihr auch bewusst wie unsinnig die Aussage über das Tanzen eigentlich ist und wie sie auf ihre Kinder wirken kann.

Nathalie Senger hat sich wegen ihrer Rolle als weiße Mutter oft in einer Art „Zwischenwelt“ gefühlt: „Ich gehörte nicht zu den Sudanesen und irgendwie gehörte ich auch nicht richtig nur zu den weißen, weil die meine Probleme ja auch nicht gekannt haben“, sagt sie aus heutiger Perspektive. Sie spricht auch von einem Einsamkeitsfaktor. Trotzdem unterstützt sie ihre Tochter Melanie immer so gut es geht, indem sie versucht, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Sie will ihr vermitteln: Du bist okay so wie du bist. Ihrer Gefühle wird sich die 54-jährige teilweise heute erst richtig bewusst. Auch verschiedene Situationen kann sie erst jetzt im Rückblick besser einordnen. Damals habe sie sich oft eingeredet, ihr Gegenüber hätte es anders gemeint. Es sei manchmal schwierig gewesen zu erkennen, ob eine Situation einen rassistischen Hintergrund hatte oder nicht, sagt Senger heute.

Dass weiße Elternteile rassistische Situationen und Erfahrungen teilweise verharmlosen, hat die Entwicklungssoziologin Gotlinde Lwanga schon in den 1990er Jahren untersucht. Im Zuge eines Interviewprojekts gemeinsam mit der Soziologin Dagmar Schulz sprach Lwanga mit verschiedenen betroffenen Müttern über deren Umgang mit rassistischen Situationen – mit ähnlichen Ergebnissen. Den Grund für diese Verhaltensweisen sieht sie in den unterschiedlichen Lebenswelten der Mütter und ihrer Kinder. Sie stehen sich zwar sehr nahe, doch sie machen unterschiedliche Erfahrungen im Leben, werden unterschiedlich behandelt. „Die Frauen verharmlosen diese Situationen, weil sie kein System dafür haben“, erklärt Lwanga. Sie fühlten sich oft hilflos, da sie nicht wüssten, wie sie ihren Kindern rassistische Äußerungen am besten erklären können. Einige Mütter würden dabei an der Herausforderung scheitern, rassistische Äußerungen zu erklären, ohne selbst rassistische Denkmuster aufzugreifen.

Vorbilder finden

Lwanga betont daher, wie wichtig es ist, dass Schwarze Kinder in ihrem Umfeld weitere Bezugspersonen und Vorbilder haben, die ihre Probleme und Erfahrungen teilen können. Egal, ob es sich dabei um den Familien- und Bekanntenkreis, oder eine Gruppe, wie der von Brigitte Link, handelt. Das Finden von Vorbildern könne für Schwarze Kinder in Deutschland sonst zur Herausforderung werden, so die Meinung der Soziologin. Sie kritisiert besonders das deutsche Fernsehprogramm: „Das ganze Programm ist so fantasielos, weiß und deutsch“. Schwarze Menschen kämen hier so gut wie gar nicht vor, obwohl die Möglichkeiten, diversere Filme zu zeigen, durchaus vorhanden wären. Fehlende Diversität in der deutschen Film- und Fernsehwelt wird schon länger kritisiert, doch bisher gibt es wenig aussagekräftige Zahlen zu diesem Thema. 2020 fand die erste Befragung zum Thema „Vielfalt im Film“ unter deutschen Filmschaffenden statt und wurde unter anderem von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes unterstützt. Die Ergebnisse stehen jedoch noch aus. Die Initiatoren wünschen sich, dass die Studie dabei hilft, die deutsche Film- und Fernsehlandschaft in Zukunft so vielfältig zu gestalten, wie es die Gesellschaft vorgibt. „Die Förderung von Vielfalt und der Abbau von Diskriminierung sind untrennbar miteinander verbunden“, ist sich Martin Wilhelm sicher. Er ist Geschäftsführer der zivilgesellschaftlichen Organisation „Citizens For Europe“, die die Studie mitinitiiert hat. „Beides ist nur möglich, wenn wir genau wissen, wie es um die Vielfalt im Film gestellt ist und welche konkreten Erfahrungen Filmschaffende vor und hinter der Kamera machen.“ Vielfalt im Film biete die Datengrundlage, um wirkungsvolle Maßnahmen anzustoßen und die Repräsentation der Vielfalt der Gesellschaft in der Filmbranche widerzuspiegeln, so Wilhelm weiter.

Brigitte Link wünscht sich im Alltag auch mehr Vorbilder für ihre Kinder, die deren Lebensrealität entsprechen. Deshalb sucht sie für sie nach Kinderbüchern, in denen nicht nur weiße Kinder eine Hauptrolle spielen. Aus Amerika und Afrika gäbe es da schon einiges, sagt sie, aber am liebsten möchte sie Bücher, die hier in Deutschland spielen. Nur so könnten sich ihre Kinder am besten damit identifizieren und verstehen, dass sie genauso in dieses Land gehören, wie zum Beispiel die blonde, blauäugige Conni aus den Pixi-Büchern. Deshalb hat sie gemeinsam mit den anderen Organisatorinnen auch schon eine Kinderbuch-Autorin als Gast zur Afrodeutschen Spielgruppe eingeladen. Dort tauschen sie sich außerdem regelmäßig über neue Literaturtipps aus. Brigitte Link sieht noch einen weiteren Vorteil in den regelmäßigen Treffen: Ihre Kinder spielen dort mit anderen Kindern, die genauso aussehen wie sie. Sie stechen dort nicht heraus. „Sie können sich dort wohl fühlen und einfach so sein, wie sie sind“, findet die dreifache Mutter. Wie wichtig das ist, erkennt Brigitte Link auch im Gespräch mit den anderen Eltern. Nicht wenige von ihnen berichten, dass ihre Töchter sich schon im Alter von fünf Jahren am liebsten die Haare glätten und blond färben würden – um möglichst so auszusehen, wie ihre Barbies.

Neue Impulse durch Black Lives Matter?

Rassismus ist ein strukturelles Problem, das seit Jahrhunderten existiert und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Doch selten wurde in letzter Zeit soviel darüber gesprochen, wie im Frühjahr 2020. Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd erlangte die bereits seit 2013 existierende Bewegung „Black Lives Matter“ internationale Bekanntheit. Auch in Deutschland gibt es große Kundgebungen und Demonstrationen. Vor allem in den Medien spielt das Thema Rassismus plötzlich eine große Rolle. Anti-Diskriminierungsexpert*innen und Aktivist*innen wie Tupoka Ogette sind stark gefragt. Schon sie allein erhält nach eigenen Angaben hunderte Presseanfragen in dieser Zeit. Doch die meisten von ihnen machen sie eher wütend. Denn anstatt das Thema konstruktiv anzugehen, fragten viele Journalisten zuallererst, ob es Rassismus in Deutschland überhaupt noch gäbe. Ogette schrieb in einem Statement auf ihrem Instagram-Account dazu: „Es ist rassistisch zu fragen, ob es in Deutschland noch Rassismus gibt. Es ist ein Schlag ins Gesicht jeder einzelnen BIPOC Person [Black, Indigenous, People of Color, Anm. d. Redaktion], die in diesem Land mit Rassismus zu kämpfen hat. Es ist ein Hohn für alle Eltern, die ihre Schwarzen Kinder oder Kids of Color abends ins Bett bringen, wohlwissend, dass sie ihre Kinder nicht vor Rassismus schützen können“.

Auch Gotlinde Lwange ist enttäuscht, dass sich seit ihren Forschungen in den 1990er Jahren so wenig auf dem Gebiet getan hat. Sie betont aber auch die Relevanz von neuen Forschungsbegriffen wie „critical whiteness“ oder die gestiegene Zahl an Workshop-Angeboten. Unter „critical whiteness“ versteht man unter anderem die kritische Auseinandersetzung weißer Menschen mit ihrer Hautfarbe und dem Anerkennen daraus resultierender Privilegien. Doch vor allem im Bereich der Sozialpädagogik, in dem Lwanga arbeitet, sieht sie noch immer große Lücken: „Ich habe immer wieder junge Leute in der Beratung sitzen und ich weiß nicht, wo ich sie hinschicken kann“, sagt Lwanga. Die „Black Lives Matter“ Bewegung macht sie neugierig. Bisher beziehe sich die Bewegung nur auf die Spitze von rassistischer Gewalt. Lwanga wünscht sich, dass die Auseinandersetzung dort in Zukunft noch tiefer gehen wird. Dafür sei es wichtig, in Zukunft unaufgeregt an dem Thema weiterzuarbeiten.

Sowohl Brigitte Link als auch Melanie Senger sind froh, dass mit der Entstehung der Bewegung mehr über das Thema Rassismus gesprochen wird. Doch ihnen ist auch klar, dass dies nur ein erster Schritt sein kann. „Ich glaube, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist, das schon viele hundert Jahre existiert. Es wird noch sehr lange dauern, das zu überwinden, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Brigitte Link. Es sei wichtig jetzt anzusetzen und die Diskussion nicht dabei zu belassen. Melanie Senger haben die aktuellen Ereignisse geholfen, ihre eigene Geschichte genauer zu reflektieren. So wünscht sie sich auch für andere, dass die Debatte ihnen dabei hilft, sich des Themas bewusst zu werden und nicht direkt abzublocken, wenn man es anspricht – damit in Zukunft keine Mutter mehr die Worte „oh Gott“ hören muss, nachdem man in ihren Kinderwagen geschaut hat.

*Namen geändert

Beitragsbild: Newlyweds wearing rings, Désirée Fawn, Unsplash License via Unsplash

Das war ein Feature einer OR-Studentin über Rassismuserfahrungen binationaler Familien

In den ersten beiden Semester lernen Studierende alles Wichtige über Journalismus – von den verschiedenen Darstellungsformen über journalistische Recherche bis hin zum journalistischen Schreiben. Im zweiten Semester verfassen OR-Studierende ein Feature – eine Mischung aus Bericht und Reportage – und können auf diese Weise erste praktische Erfahrung sammeln, sofern sie keine Vorkenntnisse in diesem Bereich haben.

Klara Scherholz hat sich in ihrem Feature mit dem Thema Rassismuserfahrungen in binationalen Familien beschäftigt.

Klara Scherholz

Klara Scherholz

Wenn sie nicht gerade am Website-Relaunch arbeitet, macht sie vermutlich entweder Musik mit ihrem Orchester oder wirft ein paar Körbe beim Basketball.

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